Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften und die Grenzen des modernen Geschlechterdiskurses

Aktuell erkennt die poststrukturalistische oder systemtheoretische Geschlechterforschung in der Geschlechtsidentität einen narrativen Prozess der Aufnahme und Aktualisierung, der Negation und des Verwerfens von geschlechterspezifischen Zeichen. Das biologische Geschlecht, vormals in der feministischen Forschung der Hebel zu einer gesellschaftspoltischen Agenda der Gleichberechtigung, wird hierbei gleichermaßen als historische Konstruktion, bedingt z. E. durch wissenschaftliche Diskurse, verstanden. Die Literatur der Moderne ist, wie bei vielen anderen postmodernen Reflexionsweisen, zugleich Vorbild, Demonstrations- und Überprüfungsmedium. 

 

Meine Dissertation zeigt zunächst, was unter dem modernen Geschlechterdiskurs zu verstehen ist. Nach einem kursorischen Durchgang durch bedeutende ideengeschichtliche Referenzen, von Rousseau über Nietzsche zu Freud, von der modernen Biologie zu den Sexualwissenschaften, skizziert sie das semantische Feld, aus dem heraus sich Musils Roman geschlechtertheoretisch generiert. In einem zweiten Teil belege ich textnah, wie Musils Figuren auf diesem Feld interagieren, wie ein Text produziert wird, der gegen die konventionellen Geschlechtervorstellungen "anschreibt". Da Musils Poetologie, durchaus mit dem Anspruch, die Wirklichkeit adäquat wiederzugeben, sich an einem Geschlechtermythos expliziert, stehen literaturgeschichtliche Progression, soziale Funktionalisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und Geschlechterutopie in einem Verhältnis, das es sowohl historisch als auch geschlechtertheoretsch zu erörtern gilt.

 

Musils alternativen Geschlechternarrative, so meine These, haben einen historischen Ort: Sie sind Produkte eines Innovationsdruckes, der Aspekt der modernen Literatur ist. Zudem vereinfachen sie die Geschehnisse auf der sozialen Handlungsebene des Romans, obzwar sie formal an aktuelle Geschlechtertheorien erinnern.

 

In meinem Ausblick gehe ich daher auf die Frage ein, wie hilfreich literaturgeschichtliche Erkenntnisse für eine erzähltheoretisch inspirierte politische Gegenwartspraxis sind.