Kulturelle Endzeitgefühle
Der Jahrhundertwechsel im Spiegel der Literatur (1880-1914)
Das Ziel des Kurses ist die Suche nach den mentalitätsgeschichtlichen Wurzeln des Ersten Weltkriegs und der politischen Revolutionen der Zwischenkriegszeit. Hierfür werden Krisenbefunde und Erneuerungsversuche in literarischen Texten fokussiert. Die Grundlage bilden kurze programmatische Texte ebenso wie Romanauszüge und Gedichte. Obgleich der Schwerpunkt auf deutschsprachigen Quellen liegt, sollen Texte aus anderen Sprachen in deutscher Übersetzung zu Rate gezogen werden, um der Internationalität des Phänomens gerecht zu werden.
Von Joris-Karl Huysmans, Friedrich Nietzsche und Hugo von Hofmannsthal über Emilio Filippo Marinetti, Gottfried Benn und Jakob van Hoddis hin zu Walter Benjamin, Robert Musil und Ernst Bloch entsteht eine alternative Lesweise für den Untergang des Abendlandes (Oswald Spengler): Durch die Akkumulation unterschiedlicher Zeitwahrnehmungen, die der Philosoph Ernst Bloch die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" nennt, die Fluchtversuche in historisch-symbolische Parallelwelten, technikgläubigen Optimismus oder naiv-narzisstischen Erlösungsglauben wird der Boden für politische Fundamentallösungen wie den Nationalsozialismus bereitet. Sein Vorzug ist, dass er die hier entstandene Komplexität in einem einfachen und eklektischen Narrativ aufzuheben scheint.
Dr. phil. Peter C. Pohl