Mi 8-10 Muße. Zur Funktion freier Zeiten in Literatur und Ästhetik des 18./19. Jahrhunderts (Seminar)
4004043 Peter Pohl, Rubenowstr. 3, R 1.22
Feuilleton-LeserInnen wissen, dass wir in einer hektischen Zeit leben. Stress und Burnout sind die negativen Folgen eines Lebens, das nur auf der Überholspur - mit Speed-Dating und Power-Napping
- bewältigbar erscheint. Je rascher, desto besser dies gilt auch für die mit der Muße (griech. scholé) betrauten Institutionen Schule und Universität: Bei gleichbleibender Stofffülle erzwingen
verkürztes Abitur und Bachelor-Studiengänge die Beschleu-nigung individuellen Lernens und Lebens. Andererseits gibt es allerorten eine gelebte Sehnsucht nach qualitati-ven Zeiterfahrungen. Wem
der Spaziergang mit dem Hund nicht reicht, nimmt den Jakobsweg; wem der Sportver-ein keinen Ausgleich bietet, setzt für ein Sabbatical aus. Jedoch: Etwas Distanz ist ratsam, will man Wert und
Unwert dieser Beschreibungsmodelle und Verhaltensmöglichkeiten erkennen. Wer sich mit der Kulturgeschichte der freien Zeit auseinandersetzt, merkt rasch, dass weder die Diagnosen noch die
Therapien unseres Erkrankens an der Zeit neu sind. Mit unserer Zeitnot und all unserer Langeweile bewegen wir uns innerhalb der Koordinaten der Moderne und in bester Gesellschaft.
Das Seminar geht den Vorstellungen von freier Zeit nach. In einem ersten Schritt wird anhand begriffsgeschichtli-cher und zeittheoretischer Arbeiten ein terminologischer Rahmen gewonnen. Sodann
stehen historische, philoso-phische, literarische, pädagogische und ökonomische Quellen im Vordergrund, in denen freie Zeit strategischen Wert hat. Die Texte können sehr kurz sein. Zu den Autoren
zählen u. a. Knigge, Campe, Goethe, Schiller, Friedrich Schlegel und Wilhelm von Humboldt, Heine, Marx und Lafargue, Bourget, Baudelaire und Nietzsche. Erkenntnis-ziel ist es dabei zunächst, die
Produktivität dieses Diskurses im 18./19. Jahrhundert zu erkennen. Sodann werden die Lektüreresultate mit anderen soziologischen und historischen Analysen verglichen und schließlich die Kultur
der freien Zeit im Hinblick auf unsere Gegenwart diskutiert. Ein Reader wird bereit gestellt.
Dr. phil. Peter C. Pohl