Dr. des. Peter Christian Pohl

"und Kafkas unermesslich traurige Augen..."

Literatur und Medientheorie des frühen 20. Jahrhunderts

Fernsprecher, Schreibmaschine, Photografie und Film haben die zwischenmenschliche Kommunikation und die Konstitution des modernen Selbst nachhaltig geprägt. Beispielsweise änderten sich die Vorstellungen von Nähe, Autorschaft und Authentizität mit der Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert drastisch. Die medialen Techniken wurden dabei zunehmend zum Gegenstand einer Kritik an der bürgerlich kapitalistischen Ordnung, ihrer Tendenz zur Anonymisierung und Vermassung. Zumindest finden sich die zunehmend negativen Folgen der Modernisierung und Medialisierung in Texten der literarischen Moderne gespiegelt. Zudem zeigen diese Texte schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt, wie vielfältig die Möglichkeiten sind, diese Folgen auf subtile, affirmative und gewinnbringende Weise zu nutzen. Damit bot die Literatur der beginnenden Medientheorie reiches Anschauungsmaterial für die Dechiffrierung oder Übersetzung der medialen Charakteristika in übergeordnete narrative Zusammenhänge.

 

 

Dieses Seminar im Schwerpunkt-Modul richtet sich an Bachelor-StudentInnen des 5./6. Semester und an StudentInnen des Magisterstudiengangs im Hauptstudium. Gegenstand des Kurses sind die Erzählungen und Romane Franz Kafkas sowie medientheoretische Texte Siegfried Krakauers, Walter Benjamins und Theodor W. Adornos. Überdies werden ausgewählte Text der Sekundärliteratur mit einbezogen. Im Mittelpunkt stehen die Fragen, wie Literatur die Möglichkeiten medialer Repräsentationen nutzte, wie Kunst und Wissenschaft auf den medialen Wandel reagierten und verändert wurden und ob aus diesen Reaktionen Rückschlüsse für populärkulturelle Phänomene der Gegenwart gezogen werden können. Dieser letzte Frage wird an Kafka-Verfilmungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgegangen.