Vom Körper zum Zeichen
Geschlechterdifferenz in der Kulturtheorie
Der Kurs sucht in kurzen Exzerpten nach Elementen unseres aktuellen Geschlechterverständnisses. Mit der Bedeutung des biologischen Geschlechts und des (Sprach-)Zeichens stehen dabei zwei Phänomene im Vordergrund, die sich wissenschaftsgeschichtlich begründen lassen. Die Erkenntnisse der modernen Biologie über die Reproduktion, Vererbung und Evolution revolutionieren das anthropologische Selbstbild. Sie führen Sein und Werden der Menschheit auf die Prozesse der Zeugung und damit die Zweigeschlechtlichkeit zurück und avancieren im 19. Jahrhundert zu Grundlagen neuer wissenschaftlicher (Teil-)Disziplinen wie der Psychopathologie, der Sexualwissenschaft und Sigmund Freuds Psychoanalyse. Die polare Geschlechterordnung, wie sie idealtypisch Jean-Jacques Rousseau entwarf, verliert ihre Statik.
Dass der kulturelle bzw. sprachliche Kontext die Geschlechtervorstellungen bedingt, ist hingegen ein Gedanke, der bereits bei Nietzsche vorgeprägt ist. Breite Zustimmung erfährt die Annahme von der symbolischen Verfasstheit kultureller und geschlechtlicher Identitäten jedoch erst seit den Arbeiten von C. Lévi-Strauss, J. Lacan oder M. Foucault. Die performative Macht der Sprache bildet auch die Grundlage des radikalkonstruktivistischen Theorieansatzes J. Butlers. Sie behauptet, dass das kulturelle und das biologische Geschlecht einen diskursiven und veränderbaren Effekt darstellen. Damit zieht sie eine Konsequenz, deren Radikalität erst vor dem Hintergrund der kulturtheoretischen Arbeiten zur biologischen und sozialen Geschlechterdifferenz deutlich wird.