Seminar im MIKROMODUL Repertorium Neuere deutsche Literatur/ Weltliteratur

Weltliteratur oder Bildungsroman

Johann Wolfgang von Goethes "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1821/1829)

Die Phänomene Bildungsroman und Weltliteratur weisen Überschneidungen auf. Als Prototyp des Bildungsromans gilt Goethes Wilhelm Meister Lehrjahre (1795/1796), einen deutschsprachigen Vorläufer findet er in Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon (1766/1767). Wieland war es auch, der ‚Weltliteratur‛, wenngleich mit anderer Bedeutung und im Kontext einer Horaz-Übersetzung, erstmals verwendete. Goethe entfaltete dann die Idee wirkmächtig in seinen letzten Lebensjahren: Weltliteratur habe Mittel und Ziel eines internationalen Dialogs Literaturschaffender und -lesender zu sein. Sie diene dem Ausgleich sozialer Ungleichheit sowie der Annäherung der Nationen. Die Unterschiede zwischen den Begriffen sind gleichwohl zahlreich, was das Seminar anhand ihrer Definitionen eingangs verdeutlicht. Sie bilden den terminologischen Rahmen für die Re-Lektüre von Goethes Alterswerk Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821/1829). Hier unternimmt Goethe zwar eine Fortsetzung der Geschichte Wilhelms. Jedoch lässt sich von einem Bildungsroman im herkömmlichen Sinn kaum sprechen. Die formalen und inhaltlichen Veränderungen drängen vielmehr zur Vermutung, der veränderte soziokulturelle Kontext, auf den die Idee ‚Weltliteratur‛ fußt, habe auch dies bedingt. Zugespitzt formuliert: In Goethes Oeuvre genießt zum Zeitpunkt der Entwicklung des Weltliteratur-Gedankens jener Romantypus keinen weltliterarischen Rang, der die deutsche Literatur über Jahrzehnte prägen und bis zum heutigen Tag als der deutsche Literaturimport angesehen wird.


Textgrundlage ist der Roman Wilhelm Meister Lehrjahre oder Die Entsagenden. Er ist in der günstigen Ausgabe des Reclam Verlags (ISBN 10: 315007827X; Kosten: 9,60 Euro) zu beschaffen.

4004055, Rubenowstr. 3, R. 1,05