Die (R-)Evolution der Heimat. Zum Verhältnis von Herkunftsraum und politischer Veränderung bei Robert Musil, Oskar Maria Graf und Heimito von Doderer
Vortrag in der Sektion: 14. Post/Nationale Vorstellungen von ‚Heimat’ beim XII. Kongress der IVG
Bildnis von Oskar Maria Graf von Georg Schrimpf (Lenbachhaus München)
Das dreibändige Werk Temps et récit des französischen Philosophen Paul Ricœur wird von der Annahme geleitet, dass fiktionale Erzählungen einen veränderten Umgang mit Zeitlichkeit ermöglichen. Sie führten zur narrativen Refiguration von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Heimat, so lautet die These des Beitrags, ist hierbei ein Objekt und Kontext literarischer Geschichtstransformationen. In den Romanen Robert Musils (1880-1942), Oskar Maria Grafs (1894-1967) und Heimito von Doderers (1896-1966) finden sich im Umgang mit politischen Veränderungen, wie dem Ende der Habsburger-Monarchie und der Münchner Räterepublik, Strategien der Umdeutung, Verdichtung und Auslassung, die poetologisch und ideologisch motiviert sind. Führt die (R-)Evolution der Heimat zu einer fiktionalen Neuordnung der Zeit, dann ist sie aber selbst in konservativen Geschichtsbildern nicht nur vergangenheitsbezogen. Sie lädt vielmehr zu einer Kontemplation realgeschichtlicher Deutungsalternativen ein.